Skateboaring: Drop-in Juliane

Wie Skateboarding seinen Nachwuchs zurückgewinnen könnte

Im ersten Teil habe ich versucht zu erklären, warum ich die Analyse von Veith Kilberth nicht für vollständig halte. Vor allem vermisse ich die Frage, was mit den Kindern passiert, bevor sie zu den 15- bis 20-Jährigen werden, die uns heute in vielen Skateparks fehlen.

Wenn jüngere Kinder zunehmend Scooter fahren und dadurch sehr früh Erfolgserlebnisse, soziale Kontakte und eine eigene Identität im Skatepark entwickeln, dann ist es nicht besonders überraschend, dass nur ein Teil von ihnen später freiwillig auf ein Skateboard wechselt.

Der entscheidende Punkt ist dabei: Ich glaube nicht, dass man dieses Problem mit einer einzigen Maßnahme lösen kann. Aber ich glaube, dass es im Gegensatz zu vielen sehr allgemeinen Forderungen durchaus konkrete Dinge gibt, die Vereine, Verbände, Skateparks und auch Eltern tun können.

Und dabei geht es meiner Meinung nach nicht darum, Skateboarding wieder künstlich in die 90er zurückzuversetzen. Die Zeiten haben sich verändert. Vielleicht müssen wir deshalb auch unsere Nachwuchsarbeit verändern.

1. Die wichtigste Erkenntnis: Der Einstieg ist der kritische Punkt

Skateboarding hat ein eigenartiges Problem.

Wenn man die ersten Wochen oder Monate überstanden hat, wird es leichter, sich dauerhaft zu motivieren. Man kann fahren, Kurven und Rampen werden interessanter, erste Tricks funktionieren, man hat Fortschritte und irgendwann macht Skateboarding einfach Spaß.

Aber bis dahin ist es teilweise brutal frustrierend.

Genau diese Phase ist deshalb entscheidend.

Ein Kind, das heute im Skatepark steht, hat aber eine Alternative direkt neben sich: den Scooter.

Dort kann es wesentlich schneller Dinge tun, die sich für ein Kind wie „richtiges Skateparkfahren“ anfühlen. Das bedeutet nicht, dass Scooter schlecht sind oder dass Scooter-Kinder später nicht auch Skateboard fahren können. Aber der Scooter macht es unnötig schwer, das Skateboard als den schwierigeren Weg überhaupt auszuwählen.

Deshalb müsste die Nachwuchsförderung zunächst einmal genau diese schwierige Einstiegsphase besser begleiten.

Und hier sehe ich eine sehr einfache Lösung:

Mehr regelmäßiges Skateboardtraining.

2. Skateboardtraining ist keine Verfälschung der Skateboardkultur

Für viele ältere Skater ist das zunächst ein ungewohnter Gedanke.

Skateboarding war schließlich einmal genau das Gegenteil von Vereinssport. Keine Trainer, keine Trainingspläne, keine Erwachsenen, die einem erklären, was man zu tun hat. Man ging einfach raus und machte sein eigenes Ding.

Das war ein Teil dessen, was Skateboarding so attraktiv gemacht hat.

Aber wir müssen aufpassen, daraus eine falsche Schlussfolgerung zu ziehen:

Nur weil Skateboarding früher ohne organisierte Nachwuchsarbeit funktioniert hat, bedeutet das nicht, dass es auch heute noch ohne sie funktioniert.

Die damalige Skateboardszene hatte eine ganze Reihe informeller Strukturen, die heute teilweise schwächer geworden sind:

Ältere Skater zeigten jüngeren, wie etwas funktioniert. Skateshops waren Treffpunkte. Eine lokale Crew hatte automatisch Kontakt zu jüngeren Kids. Man entdeckte Spots gemeinsam, tauschte Videos und Magazine aus und lernte durch Zuschauen und Nachmachen.

Das war letztlich ebenfalls Nachwuchsarbeit.

Nur eben unorganisierte.

Wenn diese Strukturen heute nicht mehr automatisch entstehen, kann man nicht einfach darauf hoffen, dass sie wieder auftauchen.

Dann muss man Teile dieser Funktion übernehmen.

Ein regelmäßiges Skateboardtraining ist für mich deshalb keine Abkehr von Skateboarding, sondern eine zeitgemäße Form, den Einstieg zu erleichtern.

3. Wir brauchen mehr regelmäßige Skateboardgruppen

In fast jeder anderen Sportart ist es völlig normal, dass ein achtjähriges Kind nicht einfach allein versucht, eine neue Sportart zu lernen.

Es geht zum Fußballtraining.

Zum Turnen.

Zur Leichtathletik.

Zum Schwimmen.

Zum Basketball.

Und dort trifft es andere Kinder, hat feste Termine, einen Trainer, bekommt Rückmeldung und sieht regelmäßig Fortschritte.

Warum sollte ausgerechnet Skateboarding darauf verzichten? Nur weil wir es „anders oder besser“ machen wollen?

Ein Kind, das jeden Dienstag und Donnerstag zum Skateboardtraining kommt, bekommt etwas, das der einzelne Skateboard-Anfänger im freien Skatepark nicht unbedingt bekommt:

Eine Gruppe.

Und diese Gruppe ist vielleicht viel wichtiger als der Trainer selbst.

Denn plötzlich sind dort zehn andere Kinder, die ebenfalls am Ollie arbeiten. Einer landet ihn zum ersten Mal. Die anderen sehen es. Beim nächsten Mal versucht man es selbst wieder. Ein paar Wochen später klappt es bei einem zweiten Kind.

So entsteht genau das, was Skateboarding früher sehr häufig durch seine Crews erzeugt hat:

soziale Verstärkung.

Das Kind muss nicht zuerst gut skateboarden, um Teil einer Gruppe zu sein.

Es gehört bereits dazu.

Und genau das halte ich für einen wesentlich praktischeren Ansatz als die sehr allgemeine Forderung, Skateboarding müsse jungen Menschen wieder mehr „Belonging“ geben.

 

Group of Skakeboard Kids

4. Ein gutes Nachwuchstraining muss nicht versuchen, Skateboarding in Fußball zu verwandeln

Das bedeutet nicht, dass wir jetzt überall Trainingspläne, Leistungsstufen und Trickroadmaps einführen müssen.

Ganz im Gegenteil.

Gutes Skateboardtraining müsste meiner Meinung nach gerade das bewahren, was Skateboarding besonders macht.

Es sollte Kindern ermöglichen, selbst Entscheidungen zu treffen.

Es sollte nicht nur darum gehen, möglichst schnell den nächsten Trick abzuhaken.

Und es sollte auch Raum für unterschiedliche Typen geben:

Der eine möchte möglichst technisch werden.

Der nächste liebt Transition.

Der dritte fährt einfach gerne durch den Park.

Der vierte interessiert sich für Street.

Der fünfte möchte irgendwann Contest fahren.

Das Training muss daraus keinen Einheitsbrei machen.

Es sollte lediglich dafür sorgen, dass das Kind regelmäßig wiederkommt und Fortschritte erlebt.

5. Genau hier ist die Skatesafari in Würzburg ein gutes Beispiel

Ein Angebot wie die Skatesafari zeigt ziemlich gut, wie niedrigschwellige Nachwuchsarbeit funktionieren kann.

In Würzburg kann man unabhängig von Alter und Können teilnehmen, Unterstützung von erfahrenen Skatern bekommen und teilweise auch Skateboards und Schutzausrüstung ausleihen. Das Angebot ist kostenlos und findet regelmäßig statt. Inzwischen gibt es die Skatesafari dank der Skatehalle Würzburg sogar auch in den Wintermonaten.

Das ist für mich ein sehr guter Ansatz, weil hier mehrere Dinge zusammenkommen:

Die Einstiegshürde ist niedrig.

Das Kind muss nicht schon Skateboard fahren können.

Es gibt eine feste Anlaufstelle.

Es gibt erfahrene Ansprechpartner.

Und es gibt eine Gruppe.

Noch wichtiger finde ich, dass in der Skatehalle Würzburg inzwischen nicht nur offene Skatezeiten stattfinden, sondern auch feste Trainingsangebote, darunter das Landeskadertraining von Skateboard Bayern und die Skatesafari.

Damit entsteht genau die Struktur, die ich für die Zukunft für wesentlich halte:

Skatepark + Verein + Trainer + regelmäßige Termine + Nachwuchsgruppe + ganzjährig nutzbare Infrastruktur.

Das sollte nicht nur in Würzburg funktionieren. Sicherlich gibt es ähnliche Angebote auch schon anderswo in Deutschland. Aber noch nicht flächendeckend genug.

Skate Kids an der Würzburger Bowl

6. Der nächste Schritt wäre: Scooter-Kinder gezielt zum Skateboard bringen

Wenn wir akzeptieren, dass Scooter für viele Kinder der leichtere Einstieg in den Skatepark sind, sollten wir diese Kinder nicht als verloren betrachten.

Im Gegenteil.

Sie sind bereits genau dort, wo wir sie haben wollen.

Sie mögen den Skatepark.

Sie fahren Rampen.

Sie bewegen sich gerne.

Sie haben Freunde dort.

Sie kommen freiwillig.

Warum sollten wir diese Gruppe nicht gezielt ansprechen?

Ich könnte mir deshalb sehr gut spezielle „Scooter to Skateboard“-Angebote vorstellen.

Nicht nach dem Motto:

„Jetzt leg deinen Scooter weg, denn Skateboard ist besser.“

Sondern eher:

„Du kannst das hier schon? Dann probieren wir einmal aus, was du davon auf einem Skateboard machen kannst.“

Das Entscheidende dabei ist, dass diese Kinder keine Anfänger im Skatepark mehr sind. Sie sind nur Anfänger auf dem Skateboard.

Das sollte man bei der Vermittlung berücksichtigen.

Sie wissen bereits, wie ein Park funktioniert. Sie kennen Rampen. Sie haben keine Angst vor Bewegung. Sie haben wahrscheinlich bereits ein gutes Gefühl für Geschwindigkeit, Timing und Raum.

Das größte Hindernis ist deshalb nicht der Skatepark.

Es ist der Neustart auf dem Skateboard.

Diesen Neustart kann man begleiten.

Vielleicht wird aus zehn Kindern, die zunächst Scooter fahren, eines oder zwei richtige Skateboarder.

Das wäre bereits ein Erfolg.

7. Eltern spielen dabei eine erstaunlich große Rolle

Hier komme ich zu einem Punkt, der wahrscheinlich etwas unbequem ist.

Viele ältere Skateboarder haben Skateboarding gerade deshalb geliebt, weil keine Erwachsenen darin vorkamen.

Es war ihre eigene Welt.

Und genau diese Haltung kann heute bei den eigenen Kindern zu einem Problem werden.

Ich kenne Skateboarder, die selbstverständlich akzeptieren, dass ihre Kinder Scooter fahren, obwohl sie selbst Skateboard fahren.

Das kann ich inzwischen nachvollziehen.

Denn aus ihrer eigenen Geschichte heraus verbinden sie Skateboarding mit Freiheit, Selbstbestimmung und dem Gegenteil von organisiertem Sport. Es wäre geradezu widersprüchlich, das eigene Kind zu einem bestimmten Sport zu drängen.

Bei mir war das etwas anders.

Ich habe Skateboarding schon Anfang der 90er stark als Sport betrachtet. Wenn mir damals jemand erklärt hätte, dass man systematisch trainieren und an Contests teilnehmen kann, hätte mich das wahrscheinlich eher mehr interessiert und möglicherweise sogar dazu gebracht, Skateboarder statt Leichtathlet zu werden.

Für den einen bedeutet Skateboarding:

„Endlich sagt mir kein Erwachsener, was ich tun soll.“

Für den anderen bedeutet es:

„Das ist ein Sport, in dem ich besser werden kann.“

Beides ist legitim.

Auch die Zeiten haben sich geändert: In den 90ern gab es keine skateboardenden Eltern. Heute ist das anders.

Und wenn wir heute Nachwuchs fördern wollen, müssen wir akzeptieren, dass Eltern einen größeren Einfluss haben als früher.

Und manchmal könnte das bedeuten, dass Eltern in der Anfangsphase bewusst eine Entscheidung für das Skateboard unterstützen müssen.

Ich habe meinen eigenen Kindern beispielsweise gar nicht erst die Alternative Scooter angeboten. Sie haben Skateboard gelernt. Nach der (eventuellen) anfänglichen schwierigen Phase hat sich die Frage nach dem Scooter nie gestellt.

Das ist natürlich keine allgemeingültige Erziehungsempfehlung.

Aber es zeigt einen Mechanismus:

Wenn ein Kind erst einmal die schwierige Anfangsphase des Skateboardens überwunden hat, ist die Attraktivität des leichteren Einstiegs häufig gar nicht mehr entscheidend.

Das Problem ist also möglicherweise weniger das Skateboarding selbst als die Frage, welches Gerät das Kind in den ersten Wochen und über die erste schwierige Anfangsphase hinaus benutzt.

Mom brieft Juliane - Skateboardcontest Teenage Rampage in Biarritz

8. Die Eltern können allerdings nicht allein die Lösung sein

Genau deshalb ist die organisierte Nachwuchsarbeit so wichtig.

Man kann nicht erwarten, dass alle Eltern Skateboarder sind.

Und man kann schon gar nicht verlangen, dass Eltern die richtige Entscheidung treffen, wenn sie selbst keine Ahnung vom Skateboarding haben.

Ein Fußballkind braucht keine Fußballer-Eltern.

Ein Leichtathlet braucht keine Eltern, die selbst Zehnkämpfer waren.

Warum sollte das beim Skateboarding anders sein?

Wenn wir wollen, dass Skateboarding eine Nachwuchsgeneration bekommt, muss es möglich sein, dass ein zehnjähriges Kind ohne skatende Eltern Skateboarder wird und dabei eine funktionierende Struktur vorfindet.

Genau das ist die Aufgabe von Vereinen und Verbänden.

9. Dafür brauchen wir aber auch Skatehallen

Und hier komme ich zu einem Punkt, der meines Erachtens viel stärker in die öffentliche Diskussion gehört.

Nachwuchsarbeit funktioniert nur zuverlässig, wenn sie zuverlässig stattfinden kann.

Wenn ein Verein sagt:

„Dienstag um 16 Uhr ist Skateboardtraining.“

dann sollte das Training am Dienstag um 16 Uhr stattfinden.

Nicht nur bei 17 Grad und Sonnenschein.

Nicht nur zwischen April und Oktober.

Nicht nur dann, wenn der Skatepark trocken ist.

Fußballvereine, Leichtathletikvereine, Turnvereine und Schwimmvereine können ihre Nachwuchsarbeit ganzjährig planen.

Skateboarding kann das ohne Hallen vielerorts nicht.

Deshalb sind Skatehallen für mich nicht bloß Luxus oder ein Zusatzangebot für Hardcore-Skater.

Sie sind eine Infrastrukturfrage der Nachwuchsförderung.

Das Beispiel Würzburg zeigt ziemlich deutlich, welchen Unterschied eine solche Infrastruktur machen kann: Die Skatehalle ermöglicht nicht nur wetterunabhängiges Fahren, sondern feste Nachwuchsangebote, offene Sessions und Trainings.

Das ist genau die Art von Infrastruktur, die eine dauerhaft funktionierende Skateboardszene braucht.

Aufdem Weg in die Skatehalle "Backyard" in Oldenburg

10. Vielleicht müssen wir deshalb unsere Vorstellung von Skateboardförderung verändern

Wenn man heute über Skateboardingförderung spricht, denkt man schnell an Skateparks.

Das ist verständlich.

Aber ein Skatepark allein ist noch keine Nachwuchsförderung.

Ein Fußballplatz ohne Verein, ohne Trainer und ohne Mannschaft ist auch noch keine Fußball-Nachwuchsarbeit.

Ein Skatepark ist zunächst einmal eine Sportstätte.

Was daraus entsteht, hängt davon ab, was dort passiert.

Deshalb würde ich die Förderung in drei Ebenen denken:

Erstens: Infrastruktur.

Gute Skateparks und vor allem ganzjährig nutzbare Hallen.

Zweitens: regelmäßige Angebote.

Skatekurse, Trainingsgruppen, Sessions und Nachwuchsprogramme.

Drittens: soziale Bindung.

Die Kinder müssen andere Skateboarder kennenlernen und regelmäßig wiederkommen.

Erst aus diesen drei Dingen entsteht eine funktionierende Nachwuchspipeline.

11. Und damit komme ich zu einer etwas unbequemen Schlussfolgerung

Vielleicht ist die Antwort auf die Frage „Wie gewinnen wir die Jugend zurück?“ nicht:

„Wir müssen Skateboarding wieder mehr zu dem machen, was es früher war.“

Vielleicht ist die Antwort:

„Wir müssen dafür sorgen, dass Kinder überhaupt die Möglichkeit bekommen, Skateboarding lange genug kennenzulernen, damit sie es zu ihrem eigenen Ding machen können.“

Das ist ein großer Unterschied.

Wir müssen Skateboarding nicht künstlich wieder rebellisch machen.

Wir müssen auch nicht versuchen, die 90er nachzustellen.

Wir müssen nicht TikTok abschaffen.

Und wir müssen nicht jedem Kind erklären, dass es sich unbedingt lebenslang als „Skater“ identifizieren soll.

Vielleicht müssen wir schlicht dafür sorgen, dass ein Kind, das heute neugierig auf ein Skateboard ist, nicht nach vier Wochen Frust aufgibt oder gar nicht erst anfängt, weil der Scooter daneben sofort mehr Spaß macht.

12. Der vielleicht wichtigste Unterschied zu Kilberths Lösungsvorschlag

Genau hier unterscheidet sich mein Ansatz auch von dem des Artikels.

Kilberth beschreibt viel über Zugehörigkeit, Identität, kulturelle Veränderungen und die gesellschaftliche Situation junger Menschen.

Das sind interessante Fragen. Aber daraus entstehen nur schwer konkrete Handlungen.

Mein Ansatz wäre wesentlich banaler: Lasst uns mehr Kinder regelmäßig Skateboard fahren lassen.

Nicht einmal im Sommer.

Nicht nur im Ferienprogramm.

Nicht nur, wenn die Eltern selbst Skater sind.

Sondern jede Woche.

Mit anderen Kindern.

Mit guten Trainern.

Mit erreichbaren Zielen.

In vernünftigen Skateparks.

Und im Winter in Hallen.

Das klingt vielleicht weniger philosophisch. Aber es lässt sich tatsächlich umsetzen.

13. Vielleicht müssen wir Skateboarding deshalb auch ein Stück weit als Sport akzeptieren

Das ist für manche ältere Skater wahrscheinlich die provokanteste Aussage.

Aber ich glaube nicht, dass Skateboarding dadurch weniger Skateboarding wird.

Skateboarding kann gleichzeitig sein:

Sport.

Kreativität.

Jugendkultur.

Freizeit.

Wettkampf.

Street Culture.

Selbstverwirklichung.

Community.

Diese Dinge schließen sich nicht gegenseitig aus.

Ein Kind kann dienstags im Training einen Ollie lernen, samstags mit seinen Freunden durch die Stadt fahren und am Sonntag versuchen, den Trick über eine Treppe zu machen.

Es muss sich nicht entscheiden, ob es „echtes Skateboarding“ oder „Vereinssport“ betreibt.

Vielleicht ist genau das eine Stärke von Skateboarding, die wir bisher unterschätzen.

Contest im Skatepark Hamburg-Allermöhe

14. Was ich mir von Verbänden und Vereinen wünschen würde

Ich glaube nicht, dass wir eine große neue Kampagne brauchen.

Wir brauchen eher viele kleine, funktionierende Strukturen:

  • Regelmäßige Kinder- und Jugendgruppen.
  • Schnupperangebote, die nicht nach zwei Terminen wieder verschwinden.
  • Angebote speziell für Kinder, die bereits Scooter fahren.
  • Trainingsgruppen, die auch nach dem Anfängerlevel weiterführen.
  • Ausfahrten zu anderen Parks.
  • Events, bei denen Anfänger genauso willkommen sind wie Fortgeschrittene.
  • Ausbildung und Unterstützung für engagierte Trainer.
  • Und vor allem mehr ganzjährig nutzbare Skatehallen.

Die Skatesafari in Würzburg zeigt, dass ein niedrigschwelliges und regelmäßiges Angebot funktionieren kann. Die dortige Skatehalle zeigt gleichzeitig, wie wichtig eine verlässliche Infrastruktur für solche Angebote ist. Und auch das Landeskadertraining von Skateboard Bayern findet dort inzwischen einen festen Platz im Wochenplan.

Das sind keine theoretischen Konzepte.

Das gibt es bereits.

Wir müssten solche Strukturen nur viel häufiger schaffen. Meines Wissens nach gibt es ähnliches im viel größerem Nürnberger Raum zum Beispiel noch nicht.

15. Scooter als Konkurrenz ernst nehmen

Ich glaube deshalb nicht, dass man die Scooter-Frage einfach mit „Kinder sollen halt ausprobieren, was ihnen gefällt“ abhaken sollte.

Natürlich soll ein Kind letztlich selbst entscheiden können, ob es Skateboard, Scooter oder BMX fahren möchte.

Aber wenn wir gezielt Skateboard-Nachwuchs aufbauen wollen, sollten wir uns auch erlauben, das Skateboardangebot entsprechend zu gestalten.

Das kann bedeuten, bestimmte Trainings- und Nachwuchszeiten ausschließlich für Skateboards zu reservieren.

Das kann bedeuten, in Kursen bewusst eine Skateboardgruppe aufzubauen, statt alle Rollsportarten gleichzeitig zu bedienen.

Und es kann bedeuten, dass man in bestimmten Angeboten auch ganz klar sagt:

Hier wird heute Skateboard gefahren.

Das Würzburger Modell halte ich deshalb für interessant. Wenn in einer Skatesafari ausschließlich Skateboards zugelassen sind, ist die Diskussion für Kinder und Eltern beendet. Niemand muss sich rechtfertigen, warum er heute nicht den bequemeren Weg wählt. Die Rahmenbedingung steht einfach fest.

Das klingt vielleicht zunächst wenig tolerant.

Aber ich glaube, gerade für Kinder kann klare Orientierung manchmal hilfreicher sein als maximale Wahlfreiheit.

Auch bei Eltern sehe ich darin einen Vorteil. Ein Elternteil, das sein Kind grundsätzlich gerne Skateboard lernen lassen würde, muss sich nicht jedes Mal fragen, ob es nicht doch sinnvoller wäre, den Scooter mitzunehmen. In einer klar definierten Skateboardgruppe ist das keine offene Grundsatzentscheidung mehr.

Gleichzeitig müssen daraus keine allgemeinen Verbote für jeden Skatepark entstehen. Ein Skatepark kann selbstverständlich ein Ort für verschiedene Rollsportarten sein.

Aber Nachwuchsförderung und freies Parkgeschehen sind zwei verschiedene Dinge.

Und wenn wir Nachwuchs fürs Skateboarding aufbauen wollen, sollten wir uns auch erlauben, Räume und Zeiten dafür konsequent zu gestalten.

Schluss

Ich glaube nicht, dass Skateboarding vor allem ein kulturelles Identitätsproblem hat. Vielleicht hat Skateboarding in Deutschland ein Nachwuchsproblem. Und Nachwuchsprobleme löst man nicht ausschließlich mit kulturtheoretischen Überlegungen.

Man löst sie, indem man sich anschaut, wo Kinder verloren gehen, und genau dort ansetzt.

Wenn wir feststellen, dass viele jüngere Kinder heute Scooter fahren, dann sollten wir uns mit dieser Realität beschäftigen.

Wenn der Wechsel vom Scooter zum Skateboard schwierig ist, sollten wir ihn erleichtern.

Wenn der Einstieg ins Skateboarding frustrierend ist, sollten wir ihn begleiten.

Wenn Eltern Skateboard nicht als Sport verstehen, müssen Vereine und Verbände Kindern auch ohne Skateboard-Eltern einen Zugang ermöglichen.

Wenn regelmäßiges Training am Wetter scheitert, brauchen wir Hallen (wie in den Benelux Ländern).

Und wenn eine Gruppe von Kindern regelmäßig zusammen Skateboard fährt, entsteht vielleicht ganz automatisch wieder etwas, das wir heute überall vermissen:

Eine neue Generation, die Skateboarding nicht nur ausprobiert, sondern wirklich für sich entdeckt ich sehe diese Generation sogar schon in den heute 8 bis 15 jährigen!

Und vielleicht sollten wir dabei auch an etwas ganz Praktisches denken: Viele Kinder, die mehrere Jahre Scooter fahren, hören irgendwann wieder damit auf. Das ist nicht schlimm – aber es stellt die Frage, ob wir sie bis dahin einfach einer Sackgasse überlassen haben. Wenn ein Kind mit zehn Jahren eigentlich Freude an Bewegung, Tricks und Skateparks hat, könnte es sinnvoller sein, ihm frühzeitig die Chance zu geben, die schwierigere, aber langfristig wesentlich breitere Lernkurve des Skateboardens kennenzulernen, statt drei oder vier Jahre später wieder ganz von vorne anfangen zu müssen.

Vielleicht müssen wir Skateboarding also gar nicht „retten“ (sicherlich müssen wir das meiner Meinung nach auch nicht).

Vielleicht sollten wir aber dafür sorgen, dass genügend Kinder lange genug dabei bleiben können, um selbst zu entscheiden, was Skateboarding für sie bedeutet.

Richard mit einem Frontboardslide an der Downrail in Hamburg

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