Scooter Kid

Skateboardings Nachwuchsproblem – aber vielleicht aus einem anderen Grund

Der Artikel „This ain’t the ’90s – Skateboarding’s Missing Youth“ von Dr. Veith Kilberth ist interessant geschrieben und spricht ohne Zweifel ein reales Phänomen an: In vielen Skateparks scheint die Altersgruppe der etwa 15- bis 20-Jährigen dünner geworden zu sein. Kilberth versucht, dafür eine gesellschaftliche Erklärung zu finden und führt vor allem Social Media, veränderte Identitätsbildung, den Wunsch nach schnellen Ergebnissen und eine veränderte Bedeutung von Skateboarding als Jugendkultur an.

Ich halte einige seiner Beobachtungen durchaus für nachvollziehbar. Mit seiner eigentlichen Erklärung bin ich allerdings nicht einverstanden. Vor allem fehlt mir ein Faktor, der gerade bei jüngeren Kindern unmittelbar sichtbar ist: die enorme Konkurrenz durch Scooter.

Und genau deshalb halte ich die Analyse für teilweise falsch angesetzt.

Das Scooter-Problem beginnt viel früher

Kilberth schreibt gleich zu Beginn über seinen Besuch im Skatepark:

„No, it wasn’t the scooter kids – they weren’t allowed there. It was the 15-to-20-year-olds.“

Scooter werden an dieser Stelle das einzige Mal im gesamten Artikel erwähnt. Für mich greift das allerdings zu kurz. Denn die entscheidende Frage ist nicht nur, warum heute 15- bis 20-jährige Skater fehlen, sondern auch, was mit den Kindern passiert, bevor sie dieses Alter überhaupt erreichen.

Ich glaube, dass man genau hier vorsichtiger sein müsste.

Denn vielleicht gehen die 15- bis 20-Jährigen gar nicht deshalb verloren, weil sich Jugendliche in diesem Alter plötzlich nicht mehr ausreichend mit Skateboarding identifizieren. Vielleicht werden viele von ihnen deutlich früher gar nicht erst zu Skateboardern.

Wer selbst über Jahre in Skateparks und im Nachwuchsbereich steht, sieht etwas, das eine solche Analyse leicht übersehen kann: Bei jüngeren Kindern sind Scooter teilweise extrem dominant. Und besonders interessant ist dabei, dass viele dieser Kinder durchaus auch ein Skateboard besitzen. Das Problem ist also nicht unbedingt fehlender Zugang oder fehlendes Geld für ein Board. Das Board ist teilweise vorhanden – gefahren wird trotzdem der Scooter.

Das ist für mich eine wesentlich interessantere Frage:

Warum entscheidet sich ein Kind, das bereits Zugang zu einem Skatepark, einem Skateboard und anderen Skatern hat, trotzdem für den Scooter?

Eine naheliegende Antwort ist die Lernkurve.

Skateboarding ist am Anfang brutal schwer. Ein Kind kann wochenlang fahren und üben, ohne dass es für Außenstehende nach großem Fortschritt aussieht. Der Scooter ermöglicht dagegen relativ schnell das Fahren von Rampen, kleine Sprünge, erste Tricks und insgesamt ein deutlich früheres Gefühl von „Ich kann das“.

Das ist nicht bloß eine Konkurrenz zwischen zwei Geräten. Es ist eine Konkurrenz um die ersten positiven Erfahrungen.

Und genau darin liegt ein Problem, das der Artikel meiner Meinung nach unterschätzt:

Der Wechsel vom Scooter zum Skateboard ist etwas völlig anderes als der direkte Start mit dem Skateboard.
Scooter Kid

Ein Kind, das mit neun Jahren mit dem Skateboard anfängt, macht die schwierige Anfangsphase einmal durch und baut seine Fähigkeiten darauf auf.

Ein Kind, das zunächst zwei oder drei Jahre Scooter fährt und danach Skateboard ausprobieren soll, muss plötzlich wieder Anfänger sein. Es muss wieder das Gleichgewicht lernen, wieder fallen, wieder mit einer ganz anderen Bewegungslogik umgehen und wieder Monate investieren, bevor sich erste anspruchsvollere Tricks wirklich gut anfühlen.

Warum sollte ein Zehn- oder Elfjähriger das freiwillig tun, wenn er auf dem Scooter bereits etwas kann, damit Freunde hat und dafür Anerkennung bekommt?

Das ist aus meiner Sicht eine viel konkretere und überprüfbarere Erklärung als die These, dass Jugendliche heute generell weniger bereit seien, sich festzulegen.

Der entscheidende Punkt könnte also nicht bei den 15- bis 20-Jährigen liegen, sondern bei den 8- bis 12-Jährigen.

Vielleicht verlieren wir die nächste Generation nicht im Alter von 16 Jahren.

Vielleicht verlieren wir sie mit acht.

Learning to skate is hard work, but it's worth it.

Scooter sind nicht einfach „eine weitere Freizeitmöglichkeit“

Natürlich konkurriert Skateboarding heute mit sehr viel mehr Freizeitangeboten als in den 90ern. Aber Scooter sind dabei etwas Besonderes: Sie konkurrieren nicht irgendwo abstrakt um Aufmerksamkeit. Sie stehen im selben Skatepark, in derselben Gruppe und bei derselben Altersgruppe direkt neben dem Skateboard.

Das ist ein gewaltiger Unterschied zu Netflix, Gaming oder Instagram.

Und genau deshalb finde ich es erstaunlich, dass Scooter im Artikel praktisch keine Rolle spielen.

Auch in der Diskussion unter dem Instagram-Post taucht dieses Thema mehrfach auf. Dort berichten Leute beispielsweise von lokalen Verhältnissen von ungefähr 8:2 zugunsten der Scooter bei jüngeren Kindern, andere sprechen davon, dass heute mehr Kinder Stunt-Scooter fahren als Skateboard oder beschreiben den Scooter ausdrücklich als „shortcut“, der schnelle Erfolgserlebnisse ermöglicht.

Das sind natürlich keine repräsentativen Studien. Aber genau deshalb wäre es doch interessant, diesen Faktor einmal systematisch zu untersuchen, statt ihn gleich am Anfang aus der Fragestellung herauszunehmen.

„Skateboarding passt schlecht zu Social Media“ überzeugt mich nicht

Kilberth argumentiert, Skateboarding passe schlecht zur heutigen Logik von Social Media, weil es langsam, kompliziert und kontextabhängig sei. Im Feed konkurriere ein Skateclip mit Fitness-Transformationen, Celebrity-Content und anderen Inhalten, die schnelle und leicht verständliche Belohnungen liefern.

Das halte ich für eine unnötige Verallgemeinerung.

Skateboarding ist als Sport vielleicht langsam zu lernen. Als Social-Media-Content ist es geradezu ideal.

Ein Kickflip, ein Slam, ein Grind, ein Gap oder eine Line lassen sich in wenigen Sekunden zeigen. Man kann zehn Versuche zusammenschneiden, den entscheidenden Versuch in Zeitlupe zeigen, Fortschritt dokumentieren oder innerhalb weniger Sekunden eine kleine Geschichte erzählen.

Skateboarding produziert ständig kurze, visuell verständliche Momente.

Gerade der Umstand, dass ein Trick lange gelernt werden muss, ist für Social Media sogar ein Vorteil: „Erster Versuch – 50 Fehlversuche – endlich geschafft“ ist ein hervorragendes Format für Kurzvideos.

Social Media kann sicherlich dazu beitragen, dass junge Menschen schnelle Belohnungen erwarten. Aber daraus folgt nicht, dass Skateboarding schlecht zu Social Media passt. Im Gegenteil: Skateboarding gehört meiner Meinung nach zu den Sportarten, die sich besonders gut in kurze Clips übersetzen lassen.

Die Frage ist eher, was Social Media mit den Erwartungen derjenigen macht, die Skateboarding lernen, nicht ob Skateboarding als Inhalt für Social Media geeignet ist.

 

Skateboarding at Venice Beach

Und dann ist da noch die Sache mit dem Fitnesskörper

Noch fragwürdiger finde ich die Gegenüberstellung von Skateboarding und Fitness.

Kilberth schreibt, junge Menschen könnten etwa in das „ideal body“ investieren, weil dieser Einsatz einen relativ zuverlässigen gesellschaftlichen Ertrag bringe: Aussehen, Status, Selbstwertgefühl und die öffentliche Wahrnehmung, sein Leben im Griff zu haben.

Das klingt fast so, als wäre es heute wesentlich einfacher, sich einen beeindruckenden Körper anzutrainieren und dafür auf Social Media Anerkennung zu bekommen.

Das ist meines Erachtens ziemlich weit hergeholt.

Fitness und insbesondere Bodybuilding sind ebenfalls jahrelange Projekte mit enormem Aufwand, Disziplin und Frustration. Training, Ernährung, Schlaf, Kalorienkontrolle, Muskelaufbau, Diäten und Verletzungsmanagement erledigen sich nicht schneller, nur weil man sie anschließend fotografieren kann.

Und die Konkurrenz auf Social Media ist im Fitnessbereich keineswegs kleiner als beim Skateboarding. Eher im Gegenteil.

Die Diagnose des Artikels ist mir deshalb zu weit von der Realität entfernt

Kilberth beschreibt einen großen gesellschaftlichen Wandel: Junge Menschen hätten heute mehr Identitäten, mehr Möglichkeiten, stärkere soziale Vergleichsmechanismen und weniger Anreiz, sich vollständig einer Sache zu verschreiben.

All das mag eine Rolle spielen.

Aber bevor man daraus eine große soziologische Erklärung baut, würde ich zunächst die viel einfacheren Fragen stellen:

  • Wer fängt heute mit Skateboarding an
  • Was fahren diese Kinder vorher?
  • Wie viele beginnen mit Scooter?
  • Wie viele besitzen bereits ein Skateboard, fahren aber trotzdem überwiegend Scooter?
  • Wie viele wechseln später vom Scooter auf Skateboard?
  • Wann gehen Skateboard-Anfänger verloren?
  • Und was unterscheidet diejenigen, die nach zwei Jahren noch skaten, von denjenigen, die aufgeben?

Ohne diese Fragen bleibt die Erklärung für mich spekulativ.

Was ist eigentlich die vorgeschlagene Lösung?

Hier finde ich den Artikel ebenfalls enttäuschend.

Kilberth schlägt einen „Part-Time Skater“ vor: Skateboarding soll weniger auf die vollständige 24/7-Core-Identität setzen, mehr Zugehörigkeit ermöglichen, weniger auf einzelne Helden und Tricklevel fokussieren und stattdessen offene Sessions, Shop-Abende, Spot-Touren, junge Hosts, gemeinsames Erleben und Basics mit Style fördern.

Das sind sympathische Gedanken.

Aber es sind keine wirklich konkreten Antworten auf die eigene Ursachenanalyse.

Wenn das Problem tatsächlich Social Media, mangelndes Commitment, zu viele Identitäten und die Konkurrenz anderer Freizeitangebote sind, dann ist „macht Zugehörigkeit früher spürbar“ zunächst einmal ein Leitbild und keine Lösung.

Und vor allem wird damit die entscheidende Frage weiterhin nicht beantwortet:

Warum soll ein achtjähriges Kind Skateboard fahren, wenn es mit dem Scooter im selben Skatepark innerhalb kürzester Zeit Dinge machen kann, für die es auf dem Skateboard Monate oder Jahre braucht?

Genau dort würde ich ansetzen.

Eine mögliche Interessenkollision sollte man zumindest benennen

Ich halte es nicht für fair, dem Autor deshalb automatisch unlautere Motive zu unterstellen. Aber seine berufliche Perspektive muss man berücksichtigen.

Kilberth ist Mitinhaber bzw. Geschäftsführer von LNDSKT, einem Planungsbüro, das Skateparks und urbane Bewegungsräume plant. LNDSKT beschreibt sich ausdrücklich als Planungsbüro für Skateparks und Urban-Sports-Anlagen; zu den dort geplanten Nutzungen gehören neben Skateboarding auch BMX, Stunt-Scooter, Inline-Skating und WCMX.

Das bedeutet nicht, dass seine Analyse deshalb falsch ist.

Aber es bedeutet, dass ein möglicher Interessens- oder zumindest Perspektivkonflikt transparent gemacht werden sollte.

Denn ausgerechnet der Faktor Scooter ist für jemanden, der sich professionell mit Skateparks als multifunktionalen Bewegungsräumen beschäftigt, kein völlig neutrales Thema.

Und es ist bemerkenswert, dass der Autor Scooter am Anfang explizit aus seiner Beobachtung herausnimmt – „they weren’t allowed there“ – obwohl gerade die Frage, welche Kinder überhaupt als Skateboarder in einem Skatepark ankommen, für eine Nachwuchsanalyse zentral sein dürfte.

Skatepark

Mein eigentliches Problem mit dem Artikel

Ich glaube nicht, dass Social Media bedeutungslos ist.

Ich glaube nicht, dass Skateboarding nicht mehr cool sein könnte.

Ich glaube auch nicht, dass sich die Jugend nicht verändert hat.

Und ich glaube schon gar nicht, dass Skateboarding unbedingt wieder so werden sollte wie in den 90ern.

Aber mir fehlt in dieser Analyse die einfachste und vielleicht wichtigste Ebene:

Was machen die Kinder tatsächlich?

Wenn ich mir über Jahre die jüngsten Nutzer in einem Skatepark anschaue und feststelle, dass ein großer Teil von ihnen Scooter fährt – teilweise sogar mit einem Skateboard zu Hause –, dann kann ich das nicht einfach als Nebensache abtun.

Vielleicht sind Social Media und veränderte Jugendkultur tatsächlich ein Teil des Problems.

Aber vielleicht ist der viel konkretere Mechanismus:

Die Kinder kommen weiterhin in den Skatepark. Sie interessieren sich weiterhin für Roll- und Actionsport. Sie wählen nur zunehmend den Scooter, weil der Einstieg leichter ist und die Belohnung schneller kommt. Und wenn sie anschließend mehrere Jahre Scooter gefahren sind, ist der Wechsel auf das Skateboard ein Neustart, den nur wenige freiwillig machen.

Wenn das auch nur teilweise stimmt, dann diskutieren wir bisher möglicherweise über das falsche Alter und über das falsche Problem.

Dann müssen wir nicht zuerst überlegen, wie wir 17-Jährige wieder stärker für Skateboarding begeistern.

Dann müssen wir uns fragen, warum aus den acht- bis zwölfjährigen Kindern, die heute in unsere Skateparks kommen, so wenige Skateboarder werden.

Und genau diese Frage hätte ich von einer Analyse zum Thema „Skateboarding’s Missing Youth“ eigentlich zuerst erwartet.

Fallen Scooter

Lösungsansätze

Damit ist für mich allerdings erst die Frage nach der Ursache gestellt – noch nicht die nach einer möglichen Lösung.

Wenn wir tatsächlich bereits einen Teil des Skateboard-Nachwuchses in der frühen Einstiegsphase verlieren, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Was können Eltern, Vereine und Verbände konkret tun, damit mehr Kinder den schwierigen Einstieg schaffen und anschließend auch beim Skateboarding bleiben?

Im zweiten Teil möchte ich deshalb konkrete Ansätze diskutieren – von der Rolle der Eltern über regelmäßige Nachwuchstrainings bis hin zu klaren Skateboardzeiten und der Bedeutung ganzjährig nutzbarer Skatehallen.

Originalartikel: https://bubbleskatemag.com/this-aint-the-90s-skateboardings-missing-youth

Diskussion: https://www.instagram.com/p/Db3Y1rcjAVE/?img_index=1

Skategirl Juliane

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